Kopfschmerz in Pflegeberufen – ein wachsendes Problem
Kopfschmerz in Pflegeberufen – ein wachsendes Problem
Schon seit langem ist bekannt, dass Pflegende in allen Arbeitsbereichen mit großen Herausforderungen zu kämpfen haben. Stationen sind chronisch unterbesetzt, das Personal ist oft überlastet und übermüdet, und Stress wird hierdurch ein unvermeidbarer Teil des Alltags. Leider sind diese Umstände auch der ideale Nährboden für Kopfschmerz vom Spannungstyp und für Migräne-Attacken. Wie sehr gerade Kopfschmerzerkrankungen die Mitarbeitenden belasten, ist inzwischen auch ein Fokus der Wissenschaft. In diesem Artikel schauen wir uns ein paar wichtige Erkenntnisse zum aktuellen Zustand der Forschung an und lernen über die Konsequenzen für Pflegende sowie auch präventive Maßnahmen, die man gegen Kopfschmerzen einsetzen kann.
Erhebliche Belastungen für Pflegende
Ob Krankenhaus, Alten- oder Pflegeheim – Menschen in Pflegeberufen sind sowohl körperlichen als auch emotionalen Herausforderungen ausgesetzt. In diesem Zusammenhang ist es nicht überraschend, dass Kopfschmerzerkrankungen auch in der Pflege häufig zu Problemen führen. Mitarbeitende, die fast jeden Tag an ihre persönlichen Grenzen stoßen, erleben oft nahezu zwangsläufig wiederkehrende Kopfschmerzen vom Spannungstyp oder auch Migräne-Attacken. Die Beschwerden stellen eine zusätzliche Belastung im ohnehin anstrengenden Arbeitsalltag dar.
Der Stand der Wissenschaft
Die wissenschaftliche Studienlage weist schon länger auf eine hohe Belastung vieler Mitarbeitenden im Pflegebereich hin. Hier wird deutlich, dass die Beschäftigten signifikant öfter und stärker an den drei häufigsten Kopfschmerzarten leiden: Migräne, Kopfschmerz vom Spannungstyp, und Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch. Eine mögliche Erklärung für die Häufung der letzteren Kopfschmerzart ist der weit verbreitete präventive Einsatz von Schmerzmedikamenten. Der sogenannte „Medikamenten-Übergebrauchs-Kopfschmerz“, kurz „MÜK“ genannt, ist gerade unter Beschäftigten im Pflegebereich ein zentrales Problem. Oft gilt es, unter allen Umständen dienstbereit zu sein (über diese als „Präsentismus“ bekannte Verhaltensweise haben wir auch in einem eigenen Beitrag berichtet). Deshalb kommt es häufig zu einer vermeintlich vorbeugenden Einnahme von Schmerzmitteln mit dem Zweck, mögliche Attacken zu umgehen. Dabei wird oft übersehen, dass der Übergebrauch dieser Medikamente tatsächlich selbst Kopfschmerzen auslösen kann (siehe hierzu diesen Artikel), den oben genannten MÜK.
Ein weiterer wesentlicher Grund, weshalb Kopfschmerz in der Pflege allgemein häufiger vorkommt, ist die Verbreitung des Schichtdienstes. Viele Untersuchungen deuten darauf hin, dass der Schichtdienst sogar häufig ein Auslöser der Kopfschmerzereignisse ist. Einige dieser Studien schauen wir uns im Folgenden einmal an.
Schichtarbeit im Fokus
Eine Studie aus dem spanischen Zaragoza nimmt die Auswirkungen der im Medizinsektor häufig vorkommenden 24-Stunden-Bereitschaftsdienste in den Blick. Hier konnte gezeigt werden, dass Beschäftigte mit einer bestätigten Migräne bereits sechs Monate nach der erstmaligen Übernahme eines solchen Dienstes von einer Verschlimmerung ihrer Migränesymptome berichten. Dies wurde durch den sogenannten „MIDAS“-Fragebogen ermittelt – ein anerkanntes Messinstrument, mit dem der Grad der Beeinträchtigung durch Migräne festgestellt wird. Die signifikant verschlechterten MIDAS-Werte dieser Migränepatient:innen konnten also mit ihrem schichtbasierten Arbeitseinsatz in Verbindung gebracht werden.
Auch wurde in der gleichen Studie ein Anstieg der Häufigkeit von Depressionen und Angstzuständen bemerkt. Dieser Befund wurde schon in vielen weiteren Untersuchungen dokumentiert. So zum Beispiel in einer dänischen Studie zu Pflegemitarbeiter:innen in Intensivstationen. Interessanter Nebenbefund: Im Rahmen dieser Studie gaben Betroffene außerdem an, während ihrer Schichtarbeitsphasen weniger auf regelmäßige und gesunde Ernährung zu achten. Dies ist gerade mit Blick auf die Migräne sehr besorgniserregend, da eine ausreichende Versorgung mit Energie für die Vermeidung von Attacken unerlässlich ist. Die Studie verdeutlicht auch, wie sehr sich verschiedene Faktoren der Schichtarbeit gegenseitig beeinflussen und einander verschlimmern können. Als häufigste Beschwerden aufgrund der Schichtarbeit wurden hier Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen und Einschlafstörungen angegeben – allesamt Faktoren, von denen wir wissen, dass sie sich gegenseitig beeinflussen und auch das Kopfschmerzgeschehen verstärken.
Nachtschichten und Schlafstörungen besonders relevant
Vor allem Schlafstörungen scheinen von großer Bedeutung zu sein. Die oben erwähnte dänische Studie konnte beispielsweise zeigen, dass Nachtschichten besonders belastende Auswirkungen haben. Auch eine italienische Arbeit an 1.000 weiblichen Beschäftigten einer Klinik stellte fest, dass Nachtdienste wesentlich zu einer Verschlimmerung der Beschwerden beitrugen.
Eine neuere Arbeit aus dem japanischen Kyoto berichtet, dass es im Klinikalltag sowohl bei Migränebetroffenen als auch bei Beschäftigten mit häufigem Spannungskopfschmerz zu erheblichen Schlafstörungen kommt. Dem sollte, so die Autoren, mit Maßnahmen in der Organisation der Arbeitsabläufe begegnet werden, um übermäßigen Stress zu vermeiden.
Mehrere chinesische Untersuchungen identifizieren gehäufte Schlafstörungen als mögliche Ursache der Beschwerden wegen Schichtarbeit. Sie stellen einen Bezug her zur sogenannten zirkadianen Rhythmik – der gewohnte Tageslauf, an den unser Körper angepasst ist, damit wir zum Beispiel zu bestimmten Zeiten aufstehen und dann wieder müde werden. Durch die Schichtarbeit werden diese Abläufe verschoben, sodass die normale Ordnung des Tages aus dem Gleichgewicht gerät.
Vor allem bei Migräne ist es sehr wichtig, dass Betroffene möglichst immer zur gleichen Zeit ins Bett gehen und wieder aufstehen. Wenn diese Regelmäßigkeit durch die Schichtarbeit unterbrochen wird, kann hierdurch das Auftreten von Kopfschmerzen oder Migräne-Attacken begünstigt werden. Mehr zum Thema Schlaf können Sie in diesem Artikel erfahren.
Länger beschäftigte Pflegemitarbeiter:innen häufiger betroffen
Ein interessanter Befund in zwei der oben genannten Studien war, dass genau die Mitarbeiter:innen am häufigsten von Kopfschmerz betroffen waren, die schon über einen längeren Zeitraum in der Pflege tätig waren. Die italienische Studie zeigte zum Beispiel, dass weibliche Beschäftigte über 40 Jahre, die seit mehr als 15 Jahren ihrem Beruf in der Pflege nachgingen, besonders stark betroffen waren. In ähnlicher Weise zeigten die Untersuchungen der chinesischen Arbeitsgruppen, dass ein Dienstalter von mehr als fünf Jahren einen Risikofaktor für Migräne darstellt. Diese Forschungsergebnisse machen deutlich, dass die Auswirkungen von Kopfschmerz mit zunehmender Dienstzeit in der Pflege ansteigen.
Mögliche Lösungen und Chancen für die Prävention
Aus der Faktenlage ergibt sich, was sich in der Pflege allgemein und bei individuellen Pflegenden ändern könnte, um den offenbar weit verbreiteten Kopfschmerzbelastungen zu begegnen. Die Autor:innen der genannten italienischen Studie geben hierzu wichtige Einblicke. Sie sehen vor allem den Stress am Arbeitsplatz als besonders wirksamen Auslöser von Kopfschmerzen und plädieren dafür, sämtliche Faktoren unter die Lupe zu nehmen, die an der Stressentstehung beteiligt sind. Grundsätzlich empfehlen sie, organisatorische und individuelle Maßnahmen umzusetzen, die das Stress-Level am Arbeitsplatz dauerhaft verringern können.
Leider wird es für viele Beschäftigte in der Pflege nicht möglich sein, den Schichtdienst komplett zu vermeiden. Es gibt jedoch viele Tipps, die dabei helfen können, selbst während der Schichtarbeit Kopfschmerzen vorzubeugen. Wissenschaftler:innen empfehlen zum Beispiel sogenannte vorwärts rotierende Schichten (erst Früh-, dann Spät-, dann Nacht-) zu bevorzugen, weil diese die zirkadiane Rhythmik weniger stark belasten.
Migränebetroffenen wird auch empfohlen, grelle Beleuchtung zu meiden und stattdessen mehrere kleinere Lichtquellen zu nutzen. Beim Arbeiten im Freien können auch eine Sonnenbrille oder eine Schirmmütze von Nutzen sein. Regelmäßige Pausen sind ohnehin unerlässlich, um eine Reizüberflutung zu vermeiden, die für Migränepatient:innen problematisch werden kann. Während der Pausen könnte man die Augen entspannen oder schließen und sich an einen ruhigen Ort zurückziehen. Auch Entspannungsübungen wie etwa die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson verhindern wirkungsvoll, dass der Stress überhandnimmt. Weitere Empfehlungen für die Schichtarbeit sind in diesem Artikel zu finden.
Auch bei Pflegearbeit empfehlen wir unsere präventiven Medien gegen den Kopfschmerz. Mithilfe unserer Webseiten und medizinisch zertifizierten Apps können Sie wichtige Informationen über Ihren Kopfschmerz erhalten. Hier lernen Sie auch verschiedene Präventionsmaßnahmen, die sowohl bei der Arbeit als auch in der Freizeit gute Dienste in der Vorbeugung von Kopfschmerzen leisten.
Veröffentlicht: August 2026
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Literatur
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