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Kopfschmerz und Kaffee

Kopfschmerz und Kaffee: Was die Forschung sagt

 

Kopfschmerz und Kaffee: Was die Forschung sagt 

Unter den Genussmitteln, denen eine Wirkung auf das Kopfschmerzgeschehen zugeschrieben wird, rangiert der Kaffee auf einem der vorderen Plätze. Sein Inhaltsstoff Koffein gehört zu den am meisten konsumierten sogenannten „psychostimulierenden“ Substanzen überhaupt. Ob in der Freizeit oder auf der Arbeit – Kaffee schmeckt fast allen und ist fester Bestandteil des täglichen Lebens der meisten Menschen. Europäische Spitzenreiter im Kaffeekonsum sind die skandinavischen Länder Norwegen, Schweden und Finnland. Doch auch hierzulande ist der Verbrauch beachtlich. Durchschnittlich konsumiert jeder Deutsche im Jahr etwa 4,8 kg Kaffee. Das entspricht knapp 2 Tassen dieses Heißgetränks am Tag. Damit ist Kaffee noch vor Bier das beliebteste Getränk in Deutschland.

 

Das Problem des Koffein-Entzugs

Ob Kaffee der Gesundheit zuträglich ist und welche Auswirkungen sein Inhaltsstoff Koffein auf unsere Körperfunktionen und unser Wohlbefinden hat, ist seit jeher umstritten. Zum einen scheint es erwiesen, dass Koffein neben der bekannten anregenden auch eine schmerzlindernde Wirkung entfalten kann. Gleichwohl sind die Forschungsergebnisse zu dieser Fragestellung keineswegs einheitlich. Im Folgenden sollen einige wissenschaftliche Erhebungen dazu dargestellt werden.

In einer Übersichtsarbeit von Robert Shapiro wird beschrieben, dass es bei manchen regelmäßigen Kaffeetrinker/innen, die ihren Konsum abrupt aussetzen, zu einer Entzugssymptomatik kommen kann. Diese äußert sich unter anderem in Form von starken, teilweise Migräne-ähnlichen Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindelgefühl, Muskelschmerzen und kognitiven Defiziten. Aufgrund der leichten analgetischen Wirkung des Koffeins existiert deshalb schon länger die Theorie, dass diese Form des Entzugs-Kopfschmerzes dem Medikamentenübergebrauchskopfschmerz in seiner Entstehung ähnlich sein könnte, weil sie auf einer lange anhaltenden Zufuhr eines leichten Schmerzmittels beruht. Im Rahmen der internationalen Klassifikation des Kopfschmerzes erhielt dieses Phänomen sogar eine eigene diagnostische Definition als „Koffein-Entzugs-Kopfschmerz“. Frühe Studien zeigten allerdings bereits eine große Streubreite dieses Krankheitsbildes bei den Betroffenen. Nur etwa die Hälfte der untersuchten Patient/innen zeigte sich für das Phänomen überhaupt anfällig. Weitere Erhebungen konnten zeigen, dass dabei vermutlich auch genetische Prädisposition eine Rolle spielt.

 

Aber auch genau gegenteilige Befunde

Jana Sawynok von der Dalhousie-Universität im kanadischen Halifax zeigt in ihrem Übersichtsartikel sehr anschaulich, dass dem Wirkstoff Koffein in den verfügbaren Untersuchungen vielfältige, in Bezug auf den Kopfschmerz sogar genau gegensätzliche Wirkungen attestiert wurden. Je nach Studie wird dabei der Aufnahme von Koffein eine schmerzlösende Funktion zugeschrieben, andererseits der Konsum dieses Wirkstoffes als Auslöser für Kopfschmerz- und Migräneattacken ausgemacht. Warum die Befunde so weit auseinander liegen, lässt sich kaum nachvollziehen. Auch die Autorin vermag die widersprüchlichen Resultate nicht zu erklären. Möglicherweise spielen wie so oft im menschlichen Stoffwechsel viele Einzelfaktoren eine Rolle, so dass jede Einzelanalyse nur situationsabhängige Befunde liefern kann. Aufgrund weitgehend unbekannter genetischer Faktoren muss man zudem damit rechnen, dass man es nicht mit einer normalverteilten Grundgesamtheit von Patient/innen zu tun hat. Dies macht einen Vergleich der Studien nahezu unmöglich.  

Auch an Migränepatient/innen wurde die Wirkung von Koffein untersucht. Lee und Mitarbeiter/innen aus dem südkoreanischen Seoul teilten etwa 100 Betroffene in zwei Gruppen, von denen die eine wie gewohnt weiter Koffein zu sich nehmen durfte, die andere jedoch darauf verzichtete. In der Folgezeit behandelten alle Proband/innen stattfindende Migräneattacken mit den Medikamenten, die sie bislang immer verwendet hatten. In der Regel handelte es sich dabei um sogenannte Triptane. Als wichtigsten Befund beschreiben die Autoren, dass der Verzicht auf Koffein zu einem signifikant besseren Ansprechen der Therapie geführt habe, während bei den Patient/innen der nicht-abstinenten, Koffein konsumierenden Gruppe die Wirksamkeit der medikamentösen Behandlung beeinträchtigt war. Auf der Suche nach einer physiologischen Grundlage für das beobachtete Phänomen führen sie einen Vergleich mit dem oben erwähnten Medikamentenübergebrauchskopfschmerz an: Der Verzicht auf Koffein, so die Wissenschaftler, könnte eine ähnliche Wirkung wie das Absetzen der Medikamente gezeitigt und eine Art ‚Entgiftungseffekt‘ ausgeübt haben. Schlüssige Beweise für diese Zusammenhänge lassen sich freilich nicht dingfest machen.

Wie verwirrend die Studienergebnisse auf diesem Gebiet in ihrer Widersprüchlichkeit sein können, sei zum Schluss an einer norwegischen Untersuchung beschrieben. Ottar Sjaastad, Neurologe an der Universitätsklinik in Trondheim, teilte etwa 1700 freiwillige Kaffeetrinker/innen nach eingehender Untersuchung auf vorhandene kopfschmerzrelevante Grunderkrankungen in drei Gruppen ein, die er „leichte“, „moderate“ und „schwere“ Konsumenten nannte. Dies entsprach einem Kaffeegenuss von 1–2, 3–4 oder 5 und mehr Tassen am Tag, der Gesamtdurchschnitt betrug 5 Tassen. Alle Teilnehmer/innen wurden angewiesen, ihren Kaffeekonsum abzusetzen. Danach erfolgte die Befragung nach auftretenden Beschwerden. Das Ergebnis war erstaunlich: Trotz der großen Zahl von Proband/innen fanden sich lediglich sieben Menschen, bei denen ein definitionsgemäßer Entzugskopfschmerz auftrat. Das entsprach einer Rate von 0,4 %.

Dieser Befund war natürlich erklärungsbedürftig und warf neue Fragen auf. Eine Überlegung ging dahin, dass der insgesamt vergleichsweise hohe, langanhaltende Kaffeekonsum in der untersuchten Population einen Gewöhnungseffekt bewirkt haben könnte, der die Folgen des Entzuges abgemildert oder verhindert hat. Das frappierende Resultat veranlasste die Autoren der Studie zu einem Selbstversuch. Über mehrere Wochen hinweg steigerten sie ihren persönlichen Kaffeekonsum auf mehr als zwei Liter täglich, um ihn dann abrupt einzustellen. Bei keinem der Kollegen trat Kopfschmerz auf.

Diese Experimente waren als Einzelbeobachtungen natürlich nicht in der Lage, die Daten anderer Untersuchungen zu widerlegen. Sjaastad gibt jedoch einige Fragen zu bedenken, die für solche Studien von Bedeutung sind. Er führt an, dass der Entzugskopfschmerz, wie er laut internationaler Klassifizierung definiert wird, nicht leicht zu diagnostizieren ist. Zudem erschweren die notwendigerweise hoch subjektiven Angaben der Proband/innen über ihr Befinden die Beurteilung und die wissenschaftlich objektive Auswertung. Darauf führen die Autoren auch die auffällig große Streuung bei bestehenden Studien mit Diagnoseraten von 20 bis über 84% zurück. Hinzu kommen große methodische Unterschiede, und überdies erfolgte die Diagnosestellung nicht überall durch Neurolog/innen.

 

Forschungslage bislang alles andere als eindeutig

Dieser kurze Streifzug durch die Fachliteratur mag verdeutlichen, dass es zwar zahlreiche Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen Kaffeetrinken und Kopfschmerz gibt, zugleich jedoch die Bandbreite der präsentierten Ergebnisse geradezu verwirrend groß ist. Wovon muss man also ausgehen? Bilden alle Studien nur Momentaufnahmen aus nicht repräsentativen Bevölkerungsgruppen ab? Existiert der „Koffein-Entzugs-Kopfschmerz“ als bedeutendes eigenständiges Beschwerdebild gar nicht, wie Sjaastad etwas provokativ vermutet („The idea that caffeine-withdrawal headache is a ubiquitous, severe headache of considerable social and health importance can, with reasonable certainty, be toned down.“)?

Im Licht der verfügbaren Daten erscheint es notwendig, die methodischen Kriterien für alle Untersuchungen zu vereinfachen und einheitlicher zu gestalten, um wenigstens ansatzweise eine Vergleichbarkeit zwischen den Erhebungen herzustellen. Ansonsten gerät die Suche nach Erkenntnissen zu diesem Thema doch in eine gefährliche Nähe zur sprichwörtlichen ‚Kaffeesatz-Leserei‘.

 

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