Warum uns die Evolution die Migräne bescherte
Warum uns die Evolution die Migräne bescherte
Die Erbsubstanz des Menschen, aus der sämtliche Informationen für Bau und Funktion unseres Organismus hervorgehen, ist stetigen Veränderungen ausgesetzt. Dies ist in der Geschichte der Menschheit von jeher die grundlegende Voraussetzung dafür, dass wir uns immer wieder auf neue Umwelt- und Lebensbedingungen einstellen können.
Auch Veranlagungen für bestimmte Erkrankungen sind in unser Erbgut eingeschrieben. Die Migräne ist eine dieser Erkrankungen: Wenn ein Mensch die Veranlagung dazu hat, Migräneattacken zu bekommen, dann liegt diese in seiner DNA. Für die Forschung ist die Frage interessant, wie es dazu kommen konnte, dass die Anfälligkeit für Migräneattacken ihren Weg in unsere Erbsubstanz gefunden hat, und vor allem, warum sie dort bis heute viele Generationswechsel des Menschen übersteht. Warum wurde die Vererbung von Migräne nicht im Laufe der Evolution aus dem menschlichen Erbgut aussortiert, damit unsere Spezies heute ein Leben ohne Migräne-Leid führen könnte?
Frühe Wanderwege: von der „Wiege der Menschheit“ gen Norden
Aus großen epidemiologischen Erhebungen ist bekannt, dass in nördlichen Breiten wie Europa und Nordamerika mehr Menschen unter Migräne leiden als in den südlichen Gefilden unserer Erde. Faszinierend ist die ziemlich neue Erklärung für diesen statistischen Umstand. Sie hat damit zu tun, dass unsere Vorfahren sich aus ihrem angestammten Lebensraum in Afrika auf den Weg nach Norden machten, um neue Biotope zu besiedeln.
Innerhalb der letzten 50 Jahrtausende fanden zahlreiche Wanderbewegungen aus den warmen Regionen Afrikas und Asiens in kältere, zumeist nördliche Gebiete statt. Viele Auswanderer siedelten sich in Europa und Amerika an. Dort waren die Umweltbedingungen in der Regel nicht zuletzt durch harte Winter schwieriger und lebensfeindlicher. Was die Siedler bei der Wanderung stets dabei hatten, war ihre Erbsubstanz, die DNA. Die Ausbreitung gen Norden ging mit großer Wahrscheinlichkeit mit genetischen Anpassungen einher, die den frühen Menschen halfen, mit den niedrigeren Temperaturen und der neuen, rauen Umwelt umzugehen – so vermuten Forschende heute.
TRPM8: Ein entscheidender Vorteil in kalten Umgebungen
An den Untersuchungen, die diesen Zusammenhang zu Tage förderten, waren auch Wissenschaftler:innen des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig beteiligt. Sie nahmen ein spezielles menschliches Gen unter die Lupe, das die Bezeichnung „TRPM8“ trägt. Die Abkürzung steht für die englische Bezeichnung „transient receptor potential melastatin 8“. TRPM8 beinhaltet die Bauanleitung für die Bildung und Steuerung eines sogenannten Kälterezeptors, der an der Wahrnehmung von Kälte und der Regulation der Körpertemperatur im menschlichen Organismus beteiligt ist. Träger:innen dieses genetischen Merkmals sind in der Lage, besser mit kühlen Umgebungstemperaturen zurecht zu kommen. Für Personen mit dieser Eigenschaft war es entsprechend sehr viel leichter, kältere Regionen fernab unserer afrikanischen Ursprünge zu besiedeln und somit die Verbreitung des Menschen auf dem Erdball immens zu unterstützen. „Die Besiedlung neuer Lebensräume in Europa und Asien war möglicherweise mit genetischen Veränderungen verbunden, die den frühen Menschen geholfen haben, sich an niedrigere Temperaturen anzupassen“, erläutert die Forscherin Aida Andres vom Max-Planck-Institut.
Das ‚Kälte-Gen‘ setzt sich durch
Die Leipziger Wissenschaftler:innen fanden heraus, dass sich eine spezielle Variante des Gens TRPM8 im Laufe der vergangenen 25.000 Jahre besonders erfolgreich ausgebreitet hat. Je weiter nördlich die Menschen leben, desto stärker ist diese Variante verbreitet. Bei Menschen mit nigerianischen Vorfahren (die Jahrestemperatur in Nigeria liegt bei durchschnittlich 28 °C) beispielsweise besitzen dieses Gen nur etwa 5% der Personen. Betrachtet man hingegen finnisch-stämmige Menschen (Jahrestemperatur durchschnittlich 6 °C), so findet sich die Kälte-adaptive Version der Erbsubstanz bei sage und schreibe 88% der Einwohner:innen.
Ein Gen, zwei Effekte
Die in nördlichen Regionen entlang der zunehmenden Breitengrade kontinuierlich häufiger werdende Version des Gens wird von Forschenden gleichzeitig schon länger mit Migränekopfschmerzen in Verbindung gebracht. Global sind von Migräne über eine Milliarde Menschen betroffen, mit den erwähnten regionalen Unterschieden: In Europa und Amerika ist Migräne stärker verbreitet als in Afrika oder Asien. Auch ist bekannt, dass beispielsweise US-Amerikaner:innen mit europäischer Abstammung ein größeres Migränerisiko tragen als Afro-Amerikaner:innen.
Die Forschung geht aktuell davon aus, dass sich die neue Genvariante im Verlauf der letzten 25.000 Jahre aus ihrer ursprünglichen, noch heute in Afrika vorherrschenden Form entwickelt haben muss. Das geht zusammen mit der Annahme, dass die Anpassung an kalte Temperaturen in frühen menschlichen Bevölkerungen in gewissem Umfang bis heute bestimmend dafür ist, wie häufig Migräne aktuell in den jeweiligen Regionen vorkommt.
Geht die Rechnung der Evolution noch auf?
Bei der Wanderung des frühen Menschen gen Norden muss ein gewaltiger evolutionärer Druck entstanden sein, der immer stärker werdenden Kälte trotzen zu können. Das Migräne-verursachende Kälte-Gen wurde dabei zum Überlebensfaktor. Der Vorteil, in kalter Umgebung existieren zu können, war aus dem Blickwinkel der Evolution dabei ungleich größer als der damit verbundene Nachteil einer Anfälligkeit für Migräneattacken.
In der heutigen Zeit mit ihren zahlreichen zivilisatorischen Errungenschaften hat sich dieses Verhältnis zwischen Vor- und Nachteil stark relativiert, vielleicht sogar umgekehrt. Wir können heute Umgebungskälte anders trotzen als unsere Vorfahren, die weder isolierte, beheizte Gebäude noch Funktionskleidung kannten. Die Fähigkeit des bloßen Organismus, mit Kälte gut umgehen zu können, verliert an Gewicht; dem gegenüber gewinnt der Leidensdruck, den die Migräne auslöst, an Bedeutung. Zudem ist unsere Lebensführung heute vor allem in der sogenannten westlichen Welt geprägt von zahlreichen Umständen, die die Entstehung von Migräneattacken begünstigen. Dies bedeutet, dass eine genetische Veranlagung zur Migräne heute vermutlich deutlich häufiger zu starken Migränekopfschmerzen führt als noch in der Lebensweise unserer fernen Vorfahren.
Zukunft der Forschung und Zukunft der Migräne
Warum genau es diesen Zusammenhang zwischen Kälteempfindung und der Anfälligkeit für Migräne gibt, liegt noch vollkommen im Dunkeln. Es gibt Hinweise darauf, dass der TRPM8-Rezeptor möglicherweise an der Wahrnehmung von Kälteschmerz und auch anderer Schmerzarten mitwirkt, aber hier hat die Forschung in den kommenden Jahren noch viel aufzudecken.
Sicher ist: Solange die Evolution uns nicht von der genetischen Veranlagung zur Migräne befreit, muss der Mensch Wege finden, mit ihr zu leben. Weil wir die Anfälligkeit für Migräneattacken nicht einfach selbst ‚ausschalten‘ können, ist es umso wichtiger zu verstehen, wie diese komplexe Erkrankung funktioniert und was im alltäglichen Leben bei Betroffenen das tatsächliche Entstehen von Attacken begünstigt. So können Betroffene ihren Alltag Schritt für Schritt individuell präventiv umgestalten und ihre eigenen, ganz aktuellen Kopfschmerzen ein Stück weit selbst in die Hand nehmen – und nicht bloß für ferne künftige Generationen hoffen, dass die Evolution es vielleicht doch noch eines Tages richten wird.
Veröffentlicht: Juni 2026
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Literatur
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https://www.forschung-und-lehre.de/forschung/der-kopfschmerz-der-mit-der-kaelte-kam-587
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